Was war das für 1 Summer’s Tale?

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Tag 1. Die Kastanienbäume sind hier fast ohne Mottenbefall, an jeder Ecke gibt es Läden für Reiterbedarf, aber nix zum Essen kaufen, die einzige Partei, die Wahlplakate hängen hat, ist die CDU und natürlich überall Pferde. Schubkarren in lila, pink und neongelb. Eine Grüne still daneben. Wo der Localact „Achtung Baby“ heißt und zum Glück gerade auf Minitour durch die Samtgemeinde und nicht auf dem Festival ist.

Das Summer’s Tale.

Im Bus-Shuttle hatte mir eine erzählt, dass sie letztes Jahr nach Tori Amos‘ Auftritt stundenlang hungrig hinter der Bühne ausgeharrt hat, um die Künstlerin zu treffen. Nach gefühlt zwanzig Minuten fangirling gesteht sie mir, dass sie den Backstagepass dann doch verpasst hatte. Beim Schlangestehen für eine Ladung Süßkartoffelpommes.

Ich esse gerade Salat, weil ich schon nach einem Tag (und es ist egal, welcher es genau ist, es hatte einen Anfang und irgendwann ein Ende, aber dazwischen ist floating) also, ich hab schon nach einem Tag mit Brötchen und Frittiertem was Gesundes vermisst. Nja. Der Salat kommt mit der Plastikgabel, die es im Dorfsupermarkt, den ich entdeckt hatte, gleich dazu gab. Ein Typ mit Gitarre fühlt sich von der Atmosphäre oder so berufen und legt los, als ich gerade im Schlafsack an Koffer (haha mit Rollkoffer zum Campen) gelehnt die erste Gabel reinfahre. Es regnet, ich hab es gemütlich, ich wünsche ihm, dass er berühmt wird oder was immer sein Traum ist.

Meiner ist Stunden später auf die Größe von schalldichten Ohrenstöpseln (schlechte hab ich schon, danke) geschrumpft. Aber die neuen Nachbarn, eine Reisegruppe, die heute nach Mitternacht unter viel Gelächter ein riesiges Zelt mit ca. 30 bis 40 Heringen (eingehämmert) aufbaute – ich stellte mir ein tragbares Haus vor mit Dutzenden Abspannseilen, groß genug für ca. 10 bis 20 Leute – entpuppten sich als kleines Dreiergespann mit einem Zelt, kaum größer als meins. Keine Pointe, außer: nachts sind alle Monster größer.

asummerstale16_blümchenSo langsam gewöhne ich mich an das hier. Überall diese Menschen, Stimmen, Wortfetzen. Rennende Kinder und entspannte Erwachsene.

Food Trucks. Vincent Vegan, der mir nicht verrät, ob Vince wirklich vegan isst, dann der Hackbaron, Curry it up – indisches Essen mal nicht von weißen Dudes, sondern tatsächlich von indischen Leuten, die sich damit den Lebensunterhalt verdienen. Und das ist nur der Anfang, weiter hinten gibt es noch Food-Stände, bestimmt fünfzehn zur Auswahl, viel regionales Zeug im Angebot.

An den Kompostklos steht: Die Welt ein einziger Kreislauf, Deine Scheisse ein Teil davon, und ich weiß nicht, ob sie meine grüne von heute Morgen wirklich haben will (hier der Link zu meinem gestrigen Abendbrot, bei dem eigentlich nur die Serviette grün war). Vermutlich aber nur die Nachwirkungen des Antibiotikums von letzter Woche.

Die Duschen sind heißer und haben mehr Druck, als meine zuhause je hergibt, selbst wenn ich allein im Haus bin und nirgendwo anders Wasser läuft. Die Teenies neben mir duschen stundenlang, weil sie ihre Spülung einwirken lassen und mir ist endlich nicht mehr kalt.

Das hier. Das ist Musik, Lesung, Tale’s Café, Zausel mit Decken um den Schultern, Hipstercliquen neben Mittfünfzigern und Schüler_innen in Vans und Leggins. Fliessende Übergänge. Das Kind in der Rückentrage, das immer wieder eine Seite des Kopfhörers anhebt und konzentriert dem Simon Garfunkel/Damien Rice/Kings of Convenience-Act lauscht.

Woher ich die Pommes habe, will eine im Zelteingang (nicht von meinem zum Glück – ich bin vorm Konzertzelt) von mir wissen, und ich sage, das sind Süßkartoffel Fries von Vince, voll vegan und auch sonst echt lecker, Tori Amos rules. Die Frau guckt mich verständnislos an.

Andere können auch was. Das Festival zum Beispiel. Kaum Wursthaare und gar keine fake War Bonnets, eine Poetry Slammerin, die allen, die Feminismus und Feminist_innen nicht mögen, anbietet, sofort etwas dagegen tun zu können: Sexismus beenden und auch sonst Unterdrückung und Diskriminierungen abschaffen, sounds like a fair deal. Nur einer geht an dieser Stelle. Vielleicht musste er mal.
Einzig die Festivalbooker hatten sich im Jahrhundert geirrt, ich hoffe, nur temporär, um 2017 dann wieder reorientiert zu sein: ein Verhältnis von 7:1 im Musik-Line Up (= sieben Mal so viele Männer* wie Frauen* bei den Bands), ist einfach ohne Worte.

Auf der Hauptbühne jetzt Garbage, und ich treffe den Managertypen vom letzten Mal. Ich frage ihn, ob sein BW-Klamotten überm white collar ein Statement sind, seine Antwort geht in Shirley Manson’s „Sex is not the enemy“ unter.

Ein Mann, bei dem ich nicht erkennen kann, ob er schon immer so ’nen fetten Vollbart trug und sich jetzt nur die Seiten rasiert hat, weil er meint, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben, tanzt vor mir, creept so’n bisschen an mich ran und ich denke nur semi angetrunken, er hat sich die Falsche ausgeguckt, drehe mich um, sehe eine Frau, die wie ein Flummi tanzt, und denke an eine andere, und wie wir bei der LBTQI*-Party waren und ich begriffen hatte, dass ich alles kann, wenn ich will, zumindest tanzen. Und es war zwar Wollen, aber ein sehr zurückgenommenes, gelöstes, es tanzte einfach. Ich war es nicht.

Bart tanzt jetzt woanders und ich schaue in Gedanken an mir runter, North Face, graue Jeans, orange NBs aber boys don’t cry und was hat dich bloß so ruiniert, danach schlägt dein Herz und it’s the end of the world as we know it und ich fühl mich gut.

asummerstale16_nightUnd die zwei vor mir schauen mich an, als ich eine Pause mache und wollen mich animieren, mit ihnen zu tanzen mit „You’re The Only One“ und dann noch mal bei „Follow Me“ und ich denk, ich bin mindestens doppelt so alt und sie können drei mal so lange tanzen wie ich. Sie versuchen es noch ein paar Mal, ich lache sie an, und als sie gehen, sag ich ihnen, wie süß sie sind und have a good time und er nimmt mich in den Arm, sie auch, guckt mich an, „du bist echt ne coole Frau“. Und in mir so das Echo: Whoa und ich tanze und fühle mich wie zwanzig, also wie jung sein gewesen wäre, in einem anderen Leben. Nice.

Gitarre hat heute morgen verschlafen und auch sonst ist alles sehr entspannt. Gegenüber wieder neue Nachbarn, die Kinder heißen wie Getränke und der Kaffee ist etwas stärker diesmal. Am zweiten Morgen habe ich schon eine Miniroutine entwickelt, die bis zur Abreise zur Gewohnheit werden kann, Sicherheit herstellen oder die Fähigkeit, sich in der Flüchtigkeit zuhause zu fühlen.

Rojava und die letzten Tage des Parvis K, Kobani, Daesh und syrische Woche. Die Welt ist nicht vor der Tür, sie ist zwischen den Zelten. In Bildern, Worten, Köpfen.

Im Regen paaren sich Nacktschnecken auf Fahrradwegen und vielleicht wird das mein neuer drölfzigster Romantitel. Voll daneben. So wie der Supermarktmensch die Festivalleute findet, die im Herbst Sonnensegel kaufen. Ich vermute ja, die sind einfach mit ihrem Zelt abgesoffen und versuchen, sich jetzt ein Dach über dem Dach zu basteln. Zelten, weil man es kann und nicht muss, geht mir hier oft durch den Kopf.

Und äh, ja, ich war schon wieder unterwegs, statt zum Yoga-Qigong-Dings-Workshop zu gehen. Da fassen sich immer alle an, jedenfalls sieht es auf den Fotos so aus. Dass es überhaupt Fotos davon gibt. Aber es scheint Leuten zu gefallen und beides nicht zu stören. Ich laufe lieber weiter die Wiesen und Dörfer ab.

Sogar Windpferde hab ich hier an einer Terrasse in einem großen Bauerngarten entdeckt, aber das krasseste war, dass hier Leute mit Arschtattoos auf den Autos fahren.

Mensch mit Arschtattoo stehend auf Auto
Nee, nicht so.
Tattooaufkleber auf Autoheckscheibe
Aber so.

(Hab dafür extra meine Photoshop-Skills aktiviert – natürlich erst zuhause, ich war ja ohne Laptop unterwegs *klopft sich kurz auf die Schulter* – oder nee, das war eigentlich GIMP, das aber voll nach MS-Paint aussieht. Hat sich gelohnt, oder?)

„Happiness is always an inside job“ und heute tragen die Älteren durchweg Regenklamotten mit Wanderschuhen oder Gummistiefeln, die Jüngeren dasselbe wie an den anderen Tagen, nur mit durchsichtigen Regenponchos drüber. Hatte ich schon erwähnt, dass es seit 12 Stunden 6° kalten Regen regnet? Feuerkörbe und Glühwein machen das Sommermärchen perfekt. ^^

Dann. Sigur Rós. Gebannt, staunend, eine Lightshow aus virtuellen Welten mit Elementen aus der greifbaren Wirklichkeit überleitend in virtuellen Raum. Faszinierend. Es unterscheidet sich nicht. Hinten eine Projektionswand, vorne ein gitterartig beweglicher Vorhang wie eine Jalousie aus dünnen metallisch wirkenden Stäben voller LEDs, die mal netzartig wandernd, mal statisch gestreift Muster abbilden.
Sprossenwandartige Metallstäbe mit durchgehenden LEDs quer zur Bühne, die sich zusammen mit der Projektion dahinter vertiefen zu einem fluchtpunktartigen Tunnel, die Band irgendwo dazwischen. Nebelpunkte und einzelne Scheinwerfer aus der Tiefe, Figuren, Motion Capture Techniken, die Bewegungen, die Umrisse der Hand, die den Bass spielt, als generierte 3D-Modelle auf der hinteren Fläche, die Zwischenwand hebt und senkt sich, ich bin sprachlos, dieser gleichzeitige Ausdruck in Ton und Bild ist so krass.

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Mäandernde Tetraeder, die sich verbinden zu gitterformigen Geweben, die einen Raum umspinnen, der sich sofort wieder auflöst und in eine neue Form übergeht. Manifestieren, um die Auflösung zu unterstreichen. Ganz groß. Sigur Rós-Fans stehen und jubeln übrigens ziemlich still.
Videosequenzen und Computergrafiken, Konturen von Landschaften, tiefe, scheinbar unbegrenzte Weiten, ein audio-visueller Overload, dunkle Wolken und weiße Laser, ich gehe danach langsam und schweigend ins Zelt.

Wie viele haben die langen Enden ihrer Festivalarmbänder abschneiden lassen, vielleicht niemand außer mir. Eine Übung in Einsicht, die meisten scheint es nicht stören, fortwährend, bei jeder kleinsten Bewegung diese schmalen Läppchen am Arm oder der Hand rumflappen zu haben. Mit der Zeit werden die außerdem bestimmt schwer, triefen vor Schlamm oder hängengebliebenem Essen. Aber dann frage ich meine Nachbarin, deren Endbänder praktisch bis zu mir herüberflattern und erfahre die eigentliche Wahrheit. Die Dinger stehen so sehr ab, dass sie gar nicht weiter stören.

Tanztheater, ein drängender Beat, der den eigenen Herzschlag antreibt, komm, beeil Dich, tu was, sieh hin und ich sehe hin, aber mein Herz will gerade nur langsamer werden, mein Ruhepuls in Stille ist im Mittel unter 40.

Don’t trust the border, it’s a trap. Aber für wen bloß. Für die, die es betrifft, ist sie real. Wir sind die, die es betrifft, egal auf welcher Seite des Zauns wir stehen, ausharren, leben, überleben. No border, no nation, diese Aufgabe ist größer als ein Leben.

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Ich sitze auf einem der Holzspäneklos, die hier an verschiedenen Standorten stehen und erstaunlich gut funktionieren, lese an der Tür „Goldeimer Kompositionen“, draußen spielt „My Traveling Piano“, na, was wohl, Bach natürlich.
Beim Verlassen schaue ich nochmal genau hin, „Komposttoiletten“ steht da, ach so. Viva con agua, Wasserprojekte.

Während ich mich den Klängen der Disko Partizani von Shantel & Bucovina Club nähere, meint eine mir entgegenkommende Frau, in mir die Mutter eines Mädchens zu erkennen, das einige Meter entfernt verzweifelt seine Mama sucht. Das sieht Ihnen ähnlich, sagt die Frau und ich erschrecke, kennen wir uns? Nein, und dann erst verstehe ich, dass sie nicht mich meint, sondern das Kind. dass sie das Kind meint. Es hat braune Locken und grüne Augen. Und es ist zu jung. Ich kann gar nicht sagen, auf wie vielen Ebenen sie mich da erwischt hatte.
Aber auch wenn die Zeiten sich vermischen und ich nachts ums Zelt manchmal vermeintlich Männer höre, die zu dem vermeintlichen Wohnwagen, dessen Tür nur von aussen zu öffnen ist, wollen, verwechsele ich eines nie: Ich halte nur Kinder, die so alt oder älter sind als meines, als ich es das letzte Mal sah, für mein eigenes, das mich endlich gefunden hat.

Niemand sieht diese Sekundenbruchteile und nichts heilt die Realität. In dieser Nacht gehe ich nicht tanzen, vor mir unterhalten sich zwei Psychotherapeutinnen um die sechzig: „Der vorhin konnte gar nicht singen, und dann diese Texte! Oder was meinen Sie dazu, Sie sind doch noch jung! Gehts Ihnen gut?“ Funny ohne Metaebene und ich selbst denke in Noels Richtung früher war mehr Oasis und gehe tropfend zum Campingplatz.

Es ist besonders, wie alle hier miteinander umgehen, achtgeben und sollte doch nicht besonders sein.

Das kehlige Lachen der Nachbarin weckt mich durch die Ohropax hindurch, die Sonne scheint. Manchmal sogar mehr als für ein paar Minuten.

Auf dem Festival sind alle gleich, sobald ein gemeinsames Interesse erkannt wird, verstehen sich die unterschiedlichsten, sich fremden Menschen, fühlen sich verbunden. Wenn wir nur begriffen, dass es immer schon so ist. Weil wir Menschen sind.

Ich zerstreue mich über das Gelände und denke über Leben und Tod nach.

Damn. Ach, automatische Worterkennung. Nochmal. Dann. Bei der Lesung ein Zitat von Patti Smith, die im letzten Jahr einer der Hauptacts war: „Keep your name clean“. Alles, was Du tust, ist für immer.

Ich könnte heute fahren, aber wenn ich noch bleibe, etwas über den Moment hinaus, freue ich morgen umso mehr. Oder? Das ist kein Grund zum Bleiben. Ich beschließe, das Zelt noch stehenzulassen, weil ich weiter woanders sein will, nicht zuhause und noch nicht unterwegs. Lose. Hier. Darauf einen pop cake von Fat Unicorn Sweets.

Graue Plastik-Dickies, G-1000 und G-Stars über Mammut, Chucks und Birkenstocks (dank des Revivals sowohl in Leder als auch Neon), auf Schultern tanzende Kleinkinder.

Ich trinke einen Grauburgunder auf ach, eine und alle und danach lieber Bier. Glitzerbärte, Flechtfrisuren und eine Ladung Indie, ich glaube, der Revolver Club hat schon letztes Jahr das DJ-Set geliefert, zu dem ich am längsten getanzt habe. Das wäre schön, das öfter zu machen, nach Hamburg fahren, tanzen gehen. Oder geht das zuhause auch.
Es ist drei Uhr, das Festival in einer Stunde zu Ende, ich im Zelt, ein paar Stunden schlafen, morgen geht es zurück. Danke, Musik. Danke, Menschen.

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